Gegründet 1892 zählt der SPD-Ortsverein Starnberg zu den ältesten Organisationen der Sozialdemokratischen Partei in Bayern. Es ist aber nicht nur das Alter, das die Starnberger SPD so ehrwürdig macht – es sind die vielfältigen Ereignisse, getragen von aufrechten Menschen, die dem Ortsverein eine Tradition mitgeben, die in ganz Deutschland wohl nur noch selten zu finden sein wird.

Wie immer in der Geschichte, sind auch beim Durchblättern der Annalen der Starnberger SPD sowohl Höhen als auch Tiefen festzustellen. Doch eines war fast die ganzen Jahre hindurch gleich: ein steter Besuch der Mitglieder in den fast durchwegs jeden Monat abgehaltenen Versammlungen. Es ist ein erfreuliches Bild lebhafter Parteitätigkeit, das sich darbietet. Aus dieser Tätigkeit wollen wir die wichtigsten Begebenheiten in gedrängter Form aufschreiben. Da erst seit dem Jahr 1927 Aufzeichnungen existieren, mussten wir uns bei unseren Nachforschungen auf vereinzelte Zeitungsberichte im „Land- und Seeboten“ stützen, der überhaupt unsere Hauptquelle beim historischen Überblick über die Geschichte der Starnberger SPD war.

1891: Ein Fischerdorf wird aufgeschreckt

Das verschlafene Fischerdorf Starnberg wurde zum ersten Mal durch eine sozialdemokratische Handlung aufgeschreckt, als der Buchbindergehilfe Georg Biener am 10. Mai 1891 um 14.30 Uhr im Saal des „Tutzinger Hofes“ eine „Volksversammlung“ einberief. Als Referent war ein gewisser Herr Knieriem aus München vorgesehen, der in den späteren Jahren noch oft in Starnberg sprechen sollte. Das Thema dieser ersten feststellbaren Versammlung von Sozialdemokraten hieß schlicht und einfach: „Die Maifeier“. Einem zweiten Tagesordnungspunkt war die „Debatte“ vorbehalten. Um die Tageskosten abdecken zu können, wurden 10 Pfennige Eintrittsgeld erhoben.

Wie es bei den Versammlungen zu der damaligen Zeit üblich war, wohnte ihnen ein von Amts wegen bestimmter Kommissär bei, der dafür zu sorgen hatte, dass die Versammlung „in anständiger Form“ ablief und vor allem keine Majestätsbeleidigungen vorkamen.

Dass diese erste Versammlung von Sozialdemokraten in Starnberg wie eine Bombe eingeschlagen hat, geht aus einem scharf gehaltenen Pressebericht im „Land- und Seeboten“ hervor, in dem es unter anderem heißt: „Jedermann war es klar, um was es sich dabei handelte; darum versäumten auch die gutgesinnten Männer Starnbergs und der Umgebung nicht, sich recht zahlreich dabei einzufinden und über die Unverfrorenheit, in Starnberg eine sozialistische Propaganda zu machen, ihre Entrüstung auszusprechen.“ Dieser Pressebericht mag sinnbildlich stehen für die öffentliche Haltung, die in jenen Tagen sozialdemokratischen Initiativen entgegengebracht wurde. Auf Männer wie Georg Biener wurde mit dem Finger gezeigt, ja sogar die Gastwirte, die in den Räumen ihrer Wirtschaften SPD-Versammlungen zuließen, mussten sich in der Öffentlichkeit der Volksverhetzung beschuldigen lassen. Das war das Bild in jener Zeit. Umso mehr sind jene Männer zu bewundern, die es unter widrigsten Umständen nicht scheuten, öffentlich für den sozialen Gedanken einzutreten und zu arbeiten. Im Jahre 1892 wurde in Starnberg ein „Sozialdemokratischer Wahlverein“ gegründet, der mit dem „Consum-Verein Starnberg“ eine enge Zusammenarbeit pflegte. Ein Name taucht bei der Lektüre alter Zeitungsmeidungen immer wieder auf: Johann Brunner. Zimmererpolier Brunner war es auch, der den Sozialdemokratischen Wahlverein ins Leben gerufen hat. Er kann als der eigentliche Gründer der Starnberger SPD angesehen werden.

Eine enge Bindung der Parteiarbeit an München war damals unausbleiblich. So wurde Starnberg schnell zu einer Sektion des Sozialdemokratischen Vereins München, von dem die Starnberger Organisation auch immer wieder mit Vortragsrednern versorgt wurde. Die Themen dieser damaligen Veranstaltungen waren im Grunde genommen auch keine anderen, wie wir sie heute in unseren Ortsvereinsversammlungen antreffen: Das Hauptaugenmerk galt den „sozialen Missständen“ und den „Gefahren“, die den Arbeitern durch die Mechanisierung drohen „sowie den ungesunden und unhaltbaren Arbeitsbedingungen in den Werkstätten und Fabriken“

1892: Ein Stern am SPD-Himmel: Georg von Vollmar

Doch unsere Ahnväter ließen sich nicht beirren. Sie hielten Versammlung um Versammlung ab und klärten die Bevölkerung über die Missstände in der damaligen Gesellschaft auf. Nachdem sich am 8. Dezember die Sektion Starnberg aus dem Sozialdemokratischen Wahlverein München, dem noch Machtlfing und Tutzing angehörten, als ein eigener Ortsverein Starnberg ausgelöst hatte, begann die große Zeit von Georg von Vollmar, der viele Jahre hindurch Reichstags- und Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis München 11, zu dem auch der Wahlbezirk Starnberg gehörte, war. Damals war diese Doppelspurigkeit als Reichs- und Landtagsabgeordneter noch möglich. In zahllosen Reden vor der Bevölkerung – vor allem in Tutzing – versuchte der große Mann der bayerischen Sozialdemokratie, die Wähler von dem Gedankengut der SPD zu überzeugen und war damit äußerst erfolgreich. Es gelang ihm damals nämlich mehrfach, seinen Gegenkandidaten von der zur selbigen Zeit fast allmächtigen Zentrumspartei zu schlagen. Und das will etwas geheißen haben! Die größte Aktivität im Leben des Starnberger Ortsvereins um die Jahrhundertwende stellte man – wie sollte es auch anders gewesen sein – immer kurz vor den Wahlen fest. Da jagte eine Wählerversammlung die andere

1892: Protest gegen "sozialistische Propaganda"

Wörtlich sagte Herr Knieriem auf einer Rede in Starnberg – und er spricht damit wohl noch so manchem echten Sozi von heute aus dem Herzen: „Auf der einen Seite herrscht Luxus und Schwelgerei, auf der anderen Not und Elend, obwohl wir alle Ebenbilder Gottes und gleichberechtigt sind“; Der große Kampf der Sozialdemokraten zu den damaligen Zeiten galt der Einführung des Acht-Stunden-Tages und der sozialen Besserstellung des Arbeiters. Knieriem sagte unter anderem auch: „Die Arbeitszeit muss verkürzt, die Acht-Stunden-Arbeit muss eingeführt werden, und die übrige Zeit muss der Arbeiter auf seine eigene Bildung, auf die bessere Erziehung seiner Kinder und auf die Hebung seiner körperlichen und geistigen Kraft verwenden können“. Als Gegenredner hatte man damals keinen geringeren als den Zentrums-Reichtagsabgeordneten Biehl aus München und den Stadtpfarrprediger von St. Peter, A. Gilg, ebenfalls aus München, aufgeboten. Ein Beweis dafür, wie ernst damals schon das Auftreten von Sozialdemokraten in Starnberg genommen wurde. Kein Wunder, dass die Gegenredner den Referenten und die Sozialdemokratie überhaupt mit Vorwürfen überschütteten und dessen Ausführungen als Phrasen und Lügen abqualifizierten. Immerhin musste der Münchner Pfarrherr zugeben, „dass die Zustände, wie sie geschildert wurden, zum Teil richtig sind“. Gefehlt sei es allerdings, davon in Starnberg zu reden, und ein Acht-Stunden-Tag könne die Lage nicht verbessern, „sondern eher verschlimmern“. Die Presse äußerte in ihrem Bericht über diese Versammlung den Wunsch, „dass Herr Knieriem nie mehr als sozialistischer Wanderapostel zu unserer Bevölkerung redet“. So waren die Zustände damals

1898: Bebel: Ein Prophet hat recht

Nach den Reichstagwahlen am 16. Juni 1898, bei denen Georg von Vollmar wiederum seinen Gegenkandidaten schlagen konnte, tat der damalige Kaiser Wilhelm II. auf der Jahrhundertfeier der Technischen Hochschule zu Charlottenburg die Sozialdemokratie als eine „vorübergehende Erscheinung“; ab, „die sich bald austoben wird“. Zu einer wesentlich differenzierteren Einschätzung der Sachlage kam der Kommentator des „Land- und Seeboten“: „Die Bewahrheitung dieser kaiserlichen Zensur wäre nur zu wünschen. Die heutigen Zeichen und Erscheinungen drängen aber zu dem gegenteiligen Schlusse, dass die Sozialdemokratie nämlich immer mehr noch an Boden gewinnen wird und noch lange, lange nicht am Ende ihrer gesellschaftlichen Besitzergreifungen ist. Vor sechs Jahren hat Bebel mit berechtigter Hoffnung seinen politischen Gegnern im Reichstag zugerufen: ‚Eine Million und achtmal hunderttausend Wähler stehen hinter uns!‘ Diese gewaltige Berufung machte Bebel im Jahre 1893, und bei den letzten Wahlen zum Reichstage hatte die Sozialdemokratische Wählerschaft gar die horrende Zahl von Zweieinachtel Millionen erreicht…“; – Wenn der frustrierte Schreiber geahnt hätte, dass es keine 70 Jahre später einen sozialdemokratischen Bundespräsidenten und einen sozialdemokratischen Kanzler geben würde… Wie wir sehen, hatte die Bevölkerung bereits begriffen, dass der Arbeiterstand nicht länger bereit sein würde, sich weiter knechten zu lassen. Man erkannte auch, dass die Forderungen nach gerechterer sozialer Einstufung nicht von wenigen Großrednern kamen, sondern dass dahinter ein ganzer Bevölkerungsteil stand. Je mehr diese Erkenntnis wuchs, desto höher wurde der Anteil der SPD-Wähler. So kam auch am 4. Februar 1905 der Genosse Josef Käser, seines Zeichens Dekorationsmaler, und als Spekulierer in einer Versammlung der Liberalen, in seinem Bericht vor Parteifreunden zu der Erkenntnis, dass jetzt auch plötzlich die ‚Liberale Vereinigung‘ ihr Herz für den Arbeiter entdeckt hat.

1906: Das "schwache Geschlecht" macht sich stark

Ein bemerkenswertes Ereignis, das entscheidend auf die Initiative der SPD-Genossen zurückzuführen war, vollzog sich am 12. April 1906: In Starnberg wurde die Allgemeine Ortskrankenkasse gegründet. Diese Gelegenheit benützten die Starnberger Sozialdemokraten auch gleich, um ihrem Unmut über die ständig steigenden Lebensmittelpreise Luft zu machen. Da dies vor allem auch die Frauen betraf, die ja – ebenso wie meist noch heute – mit dem Haushaltsgeld auszukommen hatten, wurden die Vertreterinnen des sogenannten schwachen Geschlechts auch gleich aktiv. Daraus entwickelte sich eine Frauenbewegung in Starnberg, wie sie seitdem nicht mehr gesehen ward. Zu der ersten öffentlichen Frauenversammlung am Sonntag, den 8. Juli 1906 in Starnberg, bei der Frau Greifenberg aus Augsburg über das Thema „Warum müssen sich die Frauen um das öffentliche Leben kümmern“ sprach, schrieb der „Land- und Seebote“ unter dem den Konsensus schon vorwegnehmenden Titel „Politisierende Weiber“: „Emanzipiert heißt frei, ungebunden, also will das sozusagen zarte Geschlecht frei und ungezwungen sein. Aus hiesigen Frauen-Kreisen wird uns geschrieben: Wie ein in dieser Zeitung jüngst erschienener Hinweis zeigt, scheinen die Herren der Sozialdemokratischen Partei nunmehr auch in Frauenkreise Parteigezänk tragen zu wollen. Man weiß nur zu gut, wo hinaus man will. Die hiesigen Frauen werden durch Fernbleiben bekunden, dass Parteipolitik und Frauen-Pflichten nicht zu vereinen sind und nicht vereinigt werden können. Mag die bestellte Augsburger Referentin noch so viel Schönes und Neues wissen, mag sie das Frauenstimmrecht verlangen, wir sagen Nein, die Frau gehört auf den ihr durch die Ehe zugewiesenen Posten.“ Über die Versammlung, an der über 200 Frauen und Männer teilgenommen haben, schließt der Bericht in derselben Zeitung schließlich: „Ein stürmischer Beifall belohnte die Referentin für ihre schönen Ausführungen, welche so mancher Frau eine Perle über ihre Wangen rollen ließen. Der Vorsitzende brachte ein dreifaches ‚Hoch‘ auf die freien Gewerkschaften und die Sozialdemokratie aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten, und schloss die schön verlaufene erste Frauenversammlung in Starnberg.“ So schnell hatte sich also die Meinung geändert!

Im Jahre 1907 kandidierte zum ersten Mal ein Starnberger für einen Sitz im Bayerischen Landtag: Johann Brunner schaffte das heißersehnte Ziel natürlich nicht, obwohl die Sozialdemokraten damals acht Mandate hinzugewannen und die Zentrumspartei, die als Vorgängerin der heutigen CDU/CSU angesehen werden kann, in München ganz leer ausging. Trotzdem war dies ein ehrenvoller Auftrag für Brunner, der inzwischen seinen Beruf als Zimmererpolier an den Nagel gehängt hatte und nun als Gastwirt im Gasthaus „Deutscher Kaiser“; (ehemaliges „Deutsches Haus“) stets für die Genossen einen kühlen Trunk bereithielt.

Es war schon beeindruckend, wie sich die Genossen treu und brav immer wieder zusammengefunden haben. Vor allem war erstaunlich, mit welcher Begeisterung sie sich an den Wochenenden oder an Feiertagen mit Familie, mit Kind und Kegel trafen, um zu einem befreundeten Ortsverein – etwa nach Tutzing – einen Ausflug zu machen. Das war ein Hallo, wenn die Gastschar im Gemeindebereich des anderen Ortsvereins eintraf! Man erging sich aber keineswegs nur in irdischen Genüssen, nein, im Mittelpunkt eines solchen Festtages stand immer die Politik, zumeist der Vortrag eines prominenten Redners. Erst wenn die Rede und die nachfolgende Diskussion die Genossen durstig gemacht hatten, ging man wieder zum familiären Teil über.

1907: Wegen politischer Gesinnung Kündigung gefordert

Ein Vorfall am Rande, der mit dazu beitragen soll, das politische Reizklima des frühen 20. Jahrhunderts im richtigen Licht erscheinen zu lassen: In Starnberg war vorübergehend neben dem „Land- und Seeboten“ eine zweite Zeitung entstanden, in deren Nummer 18 sich eine Erklärung fand, wonach dem „Land- und Seeboten“ der katholische Kirchenanzeiger entzogen worden sei, weil ein Schriftsetzer des Verlages „Land- und Seebote“ in einer Zentrumsversammlung als sozialdemokratischer Diskussionsredner auftrat. Es handelte sich um den Genossen Karnahl. Hinter der Maßnahme gegen den Verlag und den Schriftsetzer stand die Zentrumspartei Starnberg und der Herr Pfarrer Zuckermeier vom Katholischen Pfarramt Starnberg. Pfarrer Zuckermeier forderte vom Verlag des „Land- und Seeboten“ die Entlassung des Schriftsetzers. Diese Forderung wurde in Nummer 20 der konkurrierenden und auf der Seite des Zentrums stehenden „Starnberger Zeitung“ abgestritten. Im „Seeboten“, der sich forthin immer mehr als Sachwalter der sozialen Angelegenheiten verstand und dies bis zu seiner Einstellung fast ausnahmslos so gehalten hat, stand jedoch zu lesen: „Dem Geigerschen Verlag wurde zugemutet, den Schriftsetzer Karnahl zu entlassen; dann würde der Kirchenanzeiger wieder dem ‚Land- und Seeboten‘ zugewiesen. „Der Verlag ist auf dieses „christliche Vorgehen“ nicht eingegangen. Er hat sich in sehr loyaler und für die damaligen Verhältnisse bewundernswerter Weise hinter seine Belegschaft gestellt und erklärt, „lieber geschäftliche Nachteile zu riskieren, als dieser ungeheuerlichen Zumutung zu entsprechen“

1907: Nur Bürgerliche in den Magistrat?

Erstaunlich war auch, wie intensiv sich die Starnberger SPD-Mitglieder mit der Kommunalpolitik, vor allem mit den Problemen Starnbergs, befassten, obwohl sie nicht einmal einen der Ihren im Magistrat sitzen hatten. Nur Bürgerliche, und das waren die Kaufleute und Beamten, waren damals in Starnberg gut genug, Volksvertreter zu sein. Zum ersten Mal bekundeten die Starnberger Genossen ihren Willen, kommunalpolitische Entscheidungen nicht einfach über ihre Köpfe hinweg entscheiden zu lassen, am 1. Dezember 1907, als sie nach dem Rücktritt des damaligen Bürgermeisters Carl Emslander eine Resolution verfassten, in der sie für Starnberg „einen rechtskundigen Bürgermeister“ forderten.

Um Weihnachten 1907 herum waren die Genossen – so kann man nachlesen – äußerst aktiv. Oft ließen sie es nicht mit einer Versammlung im Monat bewenden – es waren sogar häufig deren zwei

1910: Ein scharfes Auge auf den Bierpreis

Die Maifeiern gehörten in jener Zeit zu den größten gesellschaftlichen Ereignissen des Jahres. Es waren buchstäblich Volksfeste, die zu solchen Gelegenheiten über die Bühne gingen. Aber nicht nur am 1. Mai verstanden es unsere Parteifreunde von früher, anständig zu feiern; sie fanden oft Gelegenheit dazu. Und so nimmt es nicht wunder, dass unsere Genossen ein scharfes Auge auf den Bierpreis warfen. Ein beredtes Zeugnis sozialdemokratischen Unwillens gegen eine Bierpreiserhöhung lieferte eine Versammlung am 12. Mai 1910, die im „Deutschen Kaiser“ von Johann Brunner abgehalten wurde. Es referierte ein Herr Käser, der die Mehrheitsparteien im Reichstag äußerst scharf angriff, weil sie dazu beigetragen hätten, dass die Reichssteuererhöhungen dem kleinen Bürger aufgehalst worden wären, wie es nun an der Bierpreiserhöhung zu spüren sei. Käser vertrat die Ansicht, dass die Brauereien die Steuern zu tragen im Stande gewesen wären. Gastwirt Brunner wies darauf hin, dass die Brauereien nach dem Gesetz berechtigt seien, die neue Steuer den Wirten aufzurechnen, der Wirt also machtlos sei. Man höre und staune: Die Versammlungsteilnehmer verpflichteten sich in einer Resolution, „den Bierkonsum auf das geringste Maß einzuschränken, falls die Bierpreiserhöhung durchgesetzt werden sollte“. Die Wirte sollten durch den Konsum anderer Artikel unterstützt werden. Die Bierpreise wurden zwar schließlich doch erhöht, was allerdings dem Durst unserer Genossen keinerlei Abbruch tat – kein Wunder bei den vielen Reden auf all den Versammlungen! Ein großer Tag war die Stadterhebung am 25. August 1911. Johann Brunner, der Unermüdliche, nahm die Gelegenheit beim Schopf und gründete einen „Heimat- und Bürgerverein“, über den er sich neue Sympathisanten für die SPD erhoffte. Das ist anscheinend gelungen, denn bei den Gemeinderatswahlen am 23. November 1911 brachten die Sozialdemokraten, die es bisher immer vergeblich versucht hatten, zum ersten Mal zwei Vertreter in den Stadtrat! Zu Gemeindebevollmächtigten wurden Johann Brunner und Ludwig Brandl gewählt. Auf der Ersatzliste stand Gustav Platz. Die Sozialdemokraten waren nun auch in Starnberg salonfähig geworden

1911: Das gab den Genossen Auftrieb!

Allerdings kam nur Brunner in den Magistrat, während Brandl vorerst nur in der zweiten Kammer (Gemeindekollegium) seinen Sitz hatte. So schwer war das damals. Wenn es aber etwas war, was unseren sozialdemokratischen Vorfahren Auftrieb und neuen Mut gab, dann ein Wahlerfolg wie dieser oder eine Begebenheit, wie sie in Nummer 155 des „Land- und Seeboten“ vom 28.Dezember 1911 zu lesen stand: „Während einer am Sonntagnachmittag im Gasthof ‚Deutscher Kaiser‘ abgehaltenen sozialdemokratischen Versammlung fuhr dort ein Automobil (!!) vor; der Besitzer desselben ließ nun den Versammlungsleiter herausrufen und übergab ihm einen nagelneuen ‚blauen Lappen‘ zu Wahlzwecken und fuhr dann, ohne seinen Namen zu nennen, davon. (Ein „blauer Lappen“ war seinerzeit ein Hundertmarkschein – für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen!) Ein weiterer Auftrieb war den Starnberger Genossen beschert, als die SPD bei den Reichstagswahlen am 12. Januar 1912 ungeheuere Gewinne zu verzeichnen hatte. Sie gewann 57 Sitze hinzu und verfügte damit über 110 Sitze im Reichstag. Auch Georg von Vollmar war für Starnberg wieder vertreten. Die Zentrumspartei musste damals eine Riesenschlappe hinnehmen. Der Sieg wurde perfekt, als die Zentrumsmehrheit auch am 18. Februar 1912 bei den Landtagswahlen in Bayern gebrochen werden konnte. Ein schwerer Schlag traf jedoch die Starnberger SPD am 6. Juli 1913, als Johann Brunner, der Motor des Ortsvereins, aus beruflichen Gründen nach München übersiedelte und deshalb sowohl aus dem Parteileben wie auch aus dem Magistrat ausscheiden musste. Den bürgerlichen Kräften ist es tatsächlich durch Manipulation in Potenz gelungen, den durch Brunner freigewordenen Sitz im Magistrat durch einen der Ihren zu besetzen, obwohl bereits ein Sozialdemokrat auf der Reserveliste stand! In den Magistrat kam der Hotelier Adolf Hirt. Lediglich in das Gemeindekollegium rückte ein SPD-Mann nach: Gustav Platz.

Damit war die erste Ära der Starnberger SPD zu Ende. Sie wurde deshalb so ausführlich geschildert, weil sie für die frühe Geschichte der SPD kennzeichnend ist und so markant die Probleme und Schwierigkeiten aufzeichnet, unter denen Sozialdemokraten von damals zu arbeiten hatten. Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 dämpfte die sozialdemokratischen Initiativen bis auf ein Minimum. Wie überall, ging es auch in Starnberg darum, gegen Lebensmittelknappheit und Hungersnot anzukämpfen. Beschlagnahmungen und Rationierungsmaßnahmen waren an der Tagesordnung.

1918: Aus Angst vor Linken: Rechte Einigkeit

Die ersten sozialdemokratischen Bewegungen in Starnberg sind erst wieder am 8. November 1918 festzustellen, als sich ein Arbeiterrat konstituiert. Noch am 11. Januar 1919 sprach der damalige Ministerpräsident des bayerischen Volksstaates in Starnberg, der Führer der unabhängigen bayerischen Sozialdemokraten, Kurt Eisner. Am 21. Februar 1919 wurde er ermordet. Dies war fast wie ein Startschub zu einer revolutionären Entwicklung, die auch den Starnberger SPD-Mitgliedern viel Unruhe bringen sollte. Eine Auswirkung davon ist die Absplitterung einer unabhängigen sozialistischen Ortsgruppe Starnberg. Dies war die neue Linke von 1919. Die gemäßigten fanden sich in Starnberg unter dem neuen Ortsvorsitzenden Max Zimmermann zusammen, der für die Partei alter Prägung eintrat und ganz energisch gegen die Kommunisten vorging. Durch diese Haltung kam es zu einer begrenzten Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien. Die Angst vor den radikalen Kräften war anscheinend so groß, dass man sich zur Gründung eines „Arbeitsausschusses der rechtsstehenden Parteien Starnbergs“ entschloss. Dort wirkte auch die SPD mit (!), die dann zusammen mit den anderen Gruppen auf einem gemeinsamen Wahlvorschlag „Einig“ für die Gemeinderatswahlen kandidierte.

Die SPD schnitt damals enorm gut ab; sie brachte sieben Vertreter in den Stadtrat. Es waren dies: Ludwig Brandl, Gustav Platz, Josef Geislinger, Christoph Geßler, Michael Pulver, Max Zimmermann und Josef Pettinger. Die Bayerische Volkspartei brachte es auf fünf, die Deutsch-Demokraten konnten nur vier Vertreter in den Stadtrat entsenden. Trotzdem war damit für die SPD der Kampf gegen das Establishment keineswegs überwunden. Vielmehr war dieses gute Wahlergebnis nur ein Geschenk auf Zeit. Und einen konservativen Bürgermeister hatte man sowieso noch nie verhindern können. Bis heute nicht!

Ein historischer Tag war für Starnberg und seine SPD der 28. Oktober 1920, als Adolf Hitler zum ersten Mal im Gasthaus „Zur Eisenbahn“ sprach. Damit wurde eine Epoche eingeleitet, die für die Genossen Kampf, Furcht und Unterdrückung bedeutete. Unter dem öffentlichen Druck, vor allem der aufkommenden radikalen NSDAP, ging die Aktivität des Starnberger Ortsvereins erheblich zurück. Kein Wunder, wenn man sich nicht sicher sein konnte, ob man auf dem Nachhauseweg von einer SPD-Veranstaltung grobschlächtigen Nazischergen in die Hände lief oder damit rechnen musste, dass der Vorgesetzte am Arbeitsplatz ein Angehöriger der NSDAP war. Die Hetze gegen die SPD war in dieser Zeit unbeschreiblich. Bei den Wahlen konnte die SPD der Plakatflut der anderen Parteien wegen Geldmangels in keiner Weise folgen

1924: Die Zeiten des Reichsbanners

Ein deutlicher Ruck hin zur Radikalisierung ergab sich bei den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924, welche die Starnberger SPD mit nur einem Inserat bestreiten musste. Die Lage musste in ganz Deutschland ähnlich gewesen sein, denn die Sozis verloren auf einen Schlag 86 Sitze (!) im Nationalrat. Dagegen gewannen die Kommunisten 58 Mandate hinzu, und die Nazis zogen auf Anhieb mit 32 Abgeordneten in den Reichstag ein. Schon manche besonnenen Genossen fühlten damals eine dumpfe Vorahnung auf schlimme Zeiten in sich aufsteigen. Doch es war bereits zu spät …

Inzwischen ging aber die Gemeindepolitik in Starnberg weiter. Auch dort schlugen sich die SPD-Verluste nieder: Bei der Stadtratswahl am 7. Dezember 1924 bekommt die SPD-Starnberg nur 468 Stimmen, das sind drei Sitze im Stadtrat. Zum Vergleich die „Vereinigte Rechte“ 1618 Stimmen und 13 Stadtratssitze. Während das Jahr 1925 im Starnberger Parteileben vollkommen ruhig verlief, traten 1926 in immer stärker werdendem Maße die Nazis in Starnberg auf. Am 14. August 1926 sprechen Adolf Hitler und Julius Streicher im Pellet-Mayer-Saal. Nur wenige Sozialdemokraten trauten sich öffentlich gegen die Nazis aufzutreten, denn sie waren brutal und rücksichtslos. Wer ihnen widersprach oder gar entgegentrat, wurde niedergeschlagen. Die Tätlichkeiten nahmen deshalb auch in Starnberg überhand. Versammlungen konnten kaum mehr unter normalen Bedingungen abgehalten werden, weil sie von den Nationalsozialisten regelmäßig gestört wurden. Deshalb wurde auch in Starnberg der „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ gegründet, der die Versammlungen der SPD schützen sollte. Während die NSDAP das Gasthaus „Zur Eisenbahn“ zu ihrem Versammlungslokal auserkoren hatte, hielten sich die Genossen zumeist im „Tutzinger Hof“ auf, später zogen sie sich in die Turnhalle des „Arbeiter-Turn-und-Sportvereins“ zurück, wo sie ungestörter und vor allen Anpöbeleien seitens der Nazis sicherer waren. Wenn heutzutage viele Parteimitglieder glauben, es sei besonders fortschrittlich, von Mandatsträgern in bestimmten Abständen einen Bericht über ihre Arbeit zu verlangen, so irren sie sich gewaltig. Unsere Vorfahren in der Partei praktizierten uns schon vor fast 50 Jahren vor, was Demokratie ist. In einer Ortsvereinsversammlung am 25. Juni 1927 wurde zum ersten Mal beschlossen, dass die Stadträte Max Zimmermann, Christoph Geßler und Anton Müller in regelmäßigen Abständen Berichte über ihre Tätigkeit im Stadtrat sowie „einen Ausblick auf die bevorstehenden Wahlen“ zu geben hatten.

Im Herbst 1927 war ein großer Tag in der Geschichte der Starnberger SPD: Zum ersten Mal fand in der Kreisstadt eine SPD-Bezirkskonferenz statt. Seither hat kein derartiges Spitzentreffen prominenter bayerischer Sozialdemokraten mehr in Starnberg stattgefunden. Leider haben die Chronisten den Verlauf dieser Bezirkskonferenz beinahe unerwähnt gelassen. Bekannt ist nur, dass die Ortsvereine Gilching, Weßling, Gauting, Herrsching und Tutzing anwesend waren – ein weiterer Hinweis darauf, dass sich auch im übrigen Landkreis Ortsvereine gebildet hatten

1928: Gleich vier Wahlen auf einmal

Im Frühjahr 1928 begann sich in der Starnberger SPD wieder etwas mehr zu regen. Ein bekannter Grund: Es standen Wahlen bevor. Und zwar nicht nur eine Wahl, sondern deren gleich vier! Am 20. Mai standen der Reichstag, der Landtag, der Kreis- und der Bezirkstag zur Wahl. Entsprechend flammend war der SPD-Aufruf in einem Inserat: „Volksgenossen, Wählerinnen und Wähler! Am 20. Mai müsst Ihr alle zur Wahl gehen! Ihr müsst vier Stimmzettel abgeben! Habt Ihr bei allen vier Stimmzetteln bei Nummer 1 das Kreuz gemacht, dann habt Ihr Eure Stimme der Sozialdemokratischen Partei gegeben, das ist die Partei der arbeitenden Stunde!!“ Und der Aufruf half: Die SPD hatte wieder erhebliche Stimmengewinne auf allen Ebenen zu verzeichnen.

Dies machte sich auch gleich bei der Generalversammlung des Ortsvereins bemerkbar, bei der 44 Mitglieder anwesend waren. Zum neuen 1. Vorsitzenden wurde Bernhard Gahlemann gewählt. Die Gemeinderats- bzw. Stadtratswahlen vom 8. Dezember 1929 indessen brachten kaum eine Verbesserung der politischen Situation für die Starnberger Genossen. Wiederum gelang es nur, drei Stadtratsmandate zu erringen. Gustav Platz, Alois Höbel und Ulrich Krämer schafften den Sprung ins Rathaus. Ganze 416 Stimmen hatte man nur bekommen. Die Starnberger Bevölkerungsstruktur war eben der sozialdemokratischen Idee nicht geneigt. Immer mehr wohlhabende Geschäftsleute verlegten von der Stadt München heraus ihren Wohnsitz nach Starnberg, der zum erklärten Wohnort der feinen Gesellschaft wurde. Diese Leute indessen hatten nichts weniger im Sinn, als der Arbeitervertreterschaft politische Verantwortung zu übertragen, damit sie noch gegen ihre Interessen handele! Da waren ihnen schon die Konservativen lieber, denen es ebenfalls um das Horten und Vermehren eigenen Gutes ging. So ist es bis heute geblieben . . .

1930: Radikalisierung im Volk

Trotzdem: Die Starnberger Genossen von damals – und deshalb sind sie wirklich zu bewundern – gaben und gaben nicht auf. Selbst wenn man nicht selten auf den Straßen mit den Fingern nach ihnen zeigte – sie beschritten unbeirrt ihren Weg der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit weiter, obwohl dies in immer stärkeren Maße mit den Gefahren für das persönliche Wohlergehen verbunden war. Am 14. September 1930 sollte ein neuer Reichstag gewählt werden, nachdem der alte aufgelöst worden war. Der Wahlkampf, der außerordentlich hart, vor allem von Seiten der Nationalsozialisten, geführt wurde, brachte zahlreiche Saalschlachten, bei denen es manch‘ zerbrochenen Bierkrug und manch‘ blutigen Schädel gab. Noch in der Nacht vor der Wahl kam es in Starnberg zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten zu einem Zusammenstoß, wie der „Land- und Seebote“ berichtet. Das Wahlergebnis: Erneute Zunahme der Nazis und der Kommunisten. Fazit: eine weitere Radikalisierung des Volkes.

Auch nach den Wahlen ebbten die Feindseligkeiten nicht ab. Ein Bericht über die weithin bekanntgewordene Murnauer Saalschlacht vom 1. Februar 1931 aus dem „Land- und Seeboten“ mag für zahllose Ereignisse dieser Art in jener Zeit kennzeichnend sein: Die sozialdemokratische Partei hatte in der Gaststätte Kirchmair (Murnau) für Sonntagnachmittag eine Versammlung einberufen, in der Landtagsvizepräsident Auer sprach. Die ‚Münchner Post‘ berichtete tags zuvor: Hakenkreuzler wollen die Versammlung sprengen! Sonntagnachmittag kamen zirka 100 uniformierte Reichsbannerleute des Sturm-13-München nach Murnau. Diese Truppe wurde durch schätzungsweise 200 weitere Anhänger der SPD aus Starnberg, Tutzing, Weilheim und Peißenberg verstärkt. Der Saal war für die vielen Menschen zu klein, und so zog ein Teil zum Griesbräu ab, wo anschließend … eine zweite Versammlung abgehalten werden sollte. Der erste Teil der Versammlung verlief programmmäßig. Auer sprach, nur wenige Zwischenrufer wurden laut. Zur Diskussion meldete sich der Nationalsozialist Engelbrecht. Auch er konnte seine Diskussion bis zum Schlusse durchführen. Als seine Rede in ein ‚Heil Hitler!‘ ausklang, platzte die Bombe. Was nun folgt, spielte sich rasend rasch ab. Einige Pfuirufe, einige Nationalsozialisten – nur 40 bis 50 waren im Saal – stimmten das ‚Horst-Wessel-Lied‘ an, der erste Stuhl und der erste Bierkrug flogen, worauf eine wahre Schlacht einsetzte. Bierkrüge und Kaffeegeschirr prasselten einige Sekunden nieder, dass es wie Hagelschlag anzuhören war. Hernach kamen die Stühle an die Reihe, selbst mit Tischen wurde zugeschlagen … Gummiknüttel, Stahlruten und Totschläger traten in Aktion … in zehn Minuten war die ganze Einrichtung zerschlagen, der Boden mit Blut bespritzt … Von nationalsozialistischer Seite war, wie wir dazu erfahren, der Befehl ausgegeben worden, mit 240 SA-Mann den Diskussionsredner der NSDAP zu schützen. Die verstärkt anwesende Polizei war machtlos. 13 zerschlagene Menschen – zehn davon sind Nationalsozialisten und drei Reichsbannerleute – sind zu beklagen.“ Das war die Situation.